1) Provenienzforschung im Oberhausmuseum
Forschungsprojekt „Die systematische Untersuchung der Provenienzen der Objektzugänge zwischen 1933 und 1945 im heutigen Oberhausmuseum“ (August 2024 bis Juli 2026)
„Provenienz“ bedeutet „Herkunft“. Provenienzforschung beschäftigt sich dementsprechend mit der Herkunft von Dingen, in unserem Fall der Sammlung des Oberhausmuseums. Das Museum wurde 1932 gegründet und besaß bis 1933 schon rund 1.000 Objekte, die größtenteils aus der Vorgängerinstitution, dem städtischen Museum im Alten Rathaus stammten.
In der Zeit des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945 wurden geschätzt weitere 1.400 Objekte erworben. Hier ist in vielen Fällen nicht klar, woher die Gegenstände stammen. In einem sogenannten Erstcheck der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern, der 2020 und 2021 durchgeführt wurde, konnten bereits erste Objekte identifiziert werden, deren Herkunft problematisch ist.
In einem zweijährigen Projekt (August 2024 bis Juli 2026), das von der Stadt Passau, dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste sowie der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen finanziert wurde, wurden erstmals Inventare und archivalische Quellen zu den Erwerbungen zwischen 1933 und 1945 überprüft.
Es wurden leider kaum Quellen gefunden, anhand derer Provenienzen oder auch nur genaue Zugangsdaten abzulesen waren. Diese Erkenntnis mag nicht das gewünschte Ergebnis sein, zeigt aber, dass viele Zugänge schlicht nicht mehr nachzuvollziehen sind. Hier bleibt nur die Hoffnung auf weitere Funde in archivalischen Beständen. Trotz der schwierigen Quellenlage konnte zu circa 150 Objekten eine Herkunft und zu weiteren circa 300 Objekten der kritische Ankaufszeitpunkt zwischen 1933 und 1945 bestimmt werden. Nicht jede Quelle konnte sicher einem Objekt zugeordnet werden, daher ist deren Anzahl mit „circa“ beschrieben.
Die Akteure und Akteurinnen, die während der NS-Zeit mit dem Museum befasst waren, wurden während des Projekts größtenteils zum ersten Mal wissenschaftlich erforscht bzw. die Ergebnisse schriftlich niedergelegt. Es konnte belegt werden, dass das Ostmarkmuseum durchaus eine gewisse Rolle in der lokalen NS-Politik gespielt hat.
Der ausführliche Abschlussbericht zum Projekt wird im Kürze auf der Website des Deutschen Zentrum Kulturverluste auf Proveana.de veröffentlicht. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse finden Sie hier.
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2) Forschungsergebnisse zu einigen Objekten
Vratislav Nechleba: Schriftstellerin Johanna Tauber (1922)
Das Ölgemälde einer unbekannten Frau gehört zu einem Bestand an Werken, die 1945 auf der Veste aufgefunden wurden und von denen nicht bekannt war, woher sie stammten. Im Zuge des zweijährigen Forschungsprojekts konnte belegt werden, dass die Abgebildete die tschechische, jüdische Schriftstellerin Johanna Tauber (1880–1944) ist, der das Werk auch gehörte. Das Gemälde wurde 1942 aus einem kommerziellen Möbellager in Paris geraubt, wo Tauber es vor ihrer geplanten Emigration unterbrachte. Sie und ihr Ehemann konnten die damalige Tschechoslowakei nicht mehr verlassen; sie wurden 1944 von der Gestapo verhaftet und nahmen sich das Leben, um dem Transport in ein Vernichtungslager zu entgehen. Zwei ihrer drei Kinder überlebten den Holocaust. Ihren Erben wird das Gemälde nun zurückgegeben. Ein Bericht über die Recherche findet sich im Blog für Provenienzforschende der SLUB Dresden: zum Blogbeitrag.
Ludwig (Louis) Fleischmann: Herr im Reitdress (1888), Dame im Reitkostüm (1900)
Die zwei großformatigen Gemälde befinden sich seit 1991 im Oberhausmuseum. Sie wurden auf dem Dachboden des Hauses in der Brunngasse 1 in Passau in sehr schlechtem Zustand aufgefunden; sie lagerten dort vermutlich seit Jahrzehnten. Im Zuge des Forschungsprojekts wurden zunächst Informationen zum Maler Ludwig (Louis) Fleischmann ermittelt, der in nur einem einzigen Künstlerlexikon erwähnt wird und dort mit falschem Geburtsdatum. Anschließend wurden die Bewohner des Hauses in der Brunngasse rekonstruiert, um herauszufinden, wem die Werke gehörten und wer auf ihnen abgebildet ist. Es bestand die Möglichkeit, dass sie dem jüdischen Ehepaar Nathan und Gertrud Klein gehörten, die 1936 nach Palästina emigrieren mussten. Dieser Verdacht konnte ausgeräumt werden. Sehr wahrscheinlich sind auf den Bildern zwei Passauer abgebildet: der Weinhändler und Mitglied des Gemeinderates Ludwig Mühlbauer (1856–1912) und seine Frau Aloisia (1869–1932).
Panzerstecher (um 1500)
Das 140 cm lange Bohrschwert wurde 1934 erworben. Während des Forschungsprojekts wurden alle Ankäufe zwischen 1933 und 1945 überprüft, um sicherzugehen, dass ihre Erwerbungen rechtmäßig und ohne Zwang vor sich gegangen waren. Der Panzerstecher wurde in einem Auktionshaus in Köln erworben. Durch den Vergleich von Korrespondenz im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München, zeitgenössischen Auktionskatalogen und bereits bekannten Erkenntnissen anderer Forscherinnen auf der Datenbank Proveana.de konnte belegt werden, dass das Schwert aus einer Sammlung eines bekannten Kölner Sammlers stammte. Der Kauf ist damit unverdächtig.
Passauer Tödlein (1673)
Eines der wichtigsten Ausstellungsstücke des Oberhausmuseums ist das sogenannte Passauer Tödlein, eine kleine geschnitzte Figur aus Buchsbaumholz. Es existieren nur noch wenige dieser Skulpturen, die ein Skelett zeigen, meist mit einer Sanduhr oder Pfeilen und Bogen, deren Hautfetzen kunstvoll geschnitzt über den Knochen zu sehen ist. Bisher war man davon ausgegangen, dass die Figur bereits 1924 in den Bestand des damaligen Stadtmuseums gelangte. Durch die Durchsicht von hauseigenen Inventaren scheint nun aber ein Zugang von 1934 gesichert – womit die Figur verdächtig wurde. Ihre Erwerbungsgeschichte konnte aber auch anhand von weiteren internen Dokumenten belegt werden: Ein Passauer Mechaniker hatte im Kloster Niedernburg Installationsarbeiten durchgeführt und sich von den Ordensschwestern das Tödlein als wohl kuriose Bezahlung erbeten. Der 1934 tätige Museumsleiter Max Heuwieser wurde auf bisher ungeklärtem Weg auf diese Figur aufmerksam und kaufte sie dem Mechaniker 1934 für das Ostmarkmuseum ab.
3) Aufruf "Gehört das Ihnen?"
Unter dem Motto „Gehört das Ihnen?“ laden wir Sie dazu ein, uns bei der Identifizierung von Kunstwerken zu helfen, deren Herkunft bislang ungeklärt ist.
Es muss davon ausgegangen werden, dass ein Teil der im Oberhausmuseum verwahrten Objekte in Frankreich geraubt wurde. Vier Werke eines bestimmten Bestands konnten bisher zugeordnet werden; sie wurden im Mai und Juni 1942 aus unterschiedlichen kommerziellen Möbellagern in Paris geraubt, wo die jüdischen Eigentümer sie verwahrt hatten. Mehr Informationen zu diesem Bestand finden Sie hier.
Bei weiteren Werken bitten wir um Ihre Unterstützung: Es sollen Signaturen entziffert, Künstlernamen identifiziert und abgebildete Orte oder Personen erkannt werden. Jeder Hinweis kann dazu beitragen, die rechtmäßigen Eigentümerinnen oder Eigentümer dieser Kunstwerke wiederzufinden.
Die Fotos, anhand derer Sie recherchieren können, sowie Informationen zu den Werken stehen unten zum Download bereit.
Falls Sie Personen oder Orte identifizieren können, melden Sie sich bitte bei der Museumsleitung Dr. Stefanie Buchhold unter stefanie.buchhold@passau.de.
Vielen Dank!
